Zum Hauptinhalt springenZum Fußbereich springen
Energiewende, Kernenergie, Zukunft

Was ist dran am Comeback der Kernenergie?

„Weltweit setzen Staaten auf Atomkraft, um den steigenden Strombedarf zu decken. Die Internationale Energieagentur IEA sagt eine neue Ära der Nuklearenergie voraus. Stimmt das?“ so fragte Wirtschaftsjournalistin Petra Thiele im SWR. Und sie fragte: Und: „Lohnt es sich tatsächlich, in Atomkraft zu investieren?“,

Um ihr Fazit – und das scheint mir ein gängiges Fazit zu sein – kurz zu nennen: Ja, es stimmt: Immer mehr Staaten setzen wieder Atomkraft ein, um den steigenden Strombedarf zu decken. Nein, es lohnt sich nicht. „Kein Atomkraftwerk der Welt rechnet sich“, so heißt es. 

In Deutschland zum Beispiel lägen, laut einer Studie des Fraunhofer Instituts, die Stromgestehungskosten für neue Kernkraftwerke bei bis zu 49 Cent pro Kilowattstunde (beim Solarstrom seien es in der Spitze nur 14,4 Cent pro Kilowattstunde). Vor allem die hohen Baukosten würden zu Buche schlagen.

Aber auch kleinere Small Modular Reactors (SMR) würden sich nicht rechnen. Hier wird aus der SWR Wissenschaftsredaktion David Beck zitiert: „Je kleiner das Kraftwerk, desto höher sind die Kosten pro Kilowattstunde, die aus dem Kraftwerk rauskommt.“

Ist es also unvernünftig, weil zu teuer, auf ein Comeback der Kernenergie zu setzen, oder liegen hier Fehlschlüsse vor, die die Kernenergie teurer und die erneuerbare Energie günstiger rechnen?

Der Trugschluss der Stromgestehungskosten

Die hier oben zitierten Zahlen zu Stromgestehungskosten aus der Fraunhofer-Studie sind technisch korrekt. Aber sie beantworten die falsche Frage. Stromgestehungskosten sagen nur: Was kostet eine Kilowattstunde, wenn sie zufällig anfällt? Sie beantworten nicht: Was kostet Versorgungssicherheit?

Der fundamentale Unterschied ist, dass die Sonne nachts keinen Strom liefert, kein Solarstrom bei Wolken, Schnee oder Flaute. Photovoltaikanlagen liefern keine garantierte Leistung auf Abruf. Ein Gigawatt Solarkapazität ersetzt kein Gigawatt gesicherte Leistung – das ist keine Meinung, sondern Physik. Und so entstehen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, weitere Kosten.

Und wenn es um diese Kosten geht, werden bei Solar und Wind systematisch die Systemkosten ausgeblendet: die nötigen Speicher, Backup-Kraftwerke, der Netzausbau, das Dunkelflauten-Management. Bei der Kernenergie werden diese Kosten hingegen voll eingepreist – inklusive Rückbau und Entsorgung über Jahrzehnte. Das ist kein wissenschaftlicher Vergleich, sondern ein asymmetrisches Rechenmodell.

Hinzu kommt: Solarenergie ist weltweit keine marktwirtschaftlich getragene Technologie. Sie existiert durch garantierte Einspeisevergütungen, Investitionszuschüsse, Netzvorrang und Steuergutschriften. Der massive Zubau in China ist kein Marktbeweis, sondern Teil einer industriestrategischen Subventionspolitik inklusive Exportdumping.

Wie aber sieht es mit den Systemkosten der Kernenergie aus?

Der Vorteil der Serienfertigung

Die Kritik an hohen Baukosten bei Großkraftwerken wie Flamanville oder Olkiluoto ist berechtigt. Aber daraus zu schließen, Kernenergie rechne sich grundsätzlich nicht, ignoriert ein fundamentales ökonomisches Prinzip: Hohe Kosten entstehen bei Einzelanfertigungen. Sinkende Kosten entstehen bei Standardisierung, Modularität und Serienfertigung.

Mit jeder Verdopplung der produzierten Stückzahl sinken die Kosten deutlich – so in der Luftfahrt, im Maschinenbau, in der Computerindustrie. Warum sollte das bei Reaktoren anders sein?

Moderne Reaktorkonzepte sind genau darauf ausgelegt: Der Thorium-Flüssigsalzreaktor von Copenhagen Atomics etwa setzt auf fabrikmäßige Serienproduktion: es ist geplant, einen Reaktor am Tag zu produzieren. 

Zudem sorgen die modulare Bauweise und die kontinuierliche Brennstofferzeugung im Betrieb für Kosteneffizienz. Die Brennstoffeffizienz liegt über tausendfach höher als bei heutigen Leichtwasserreaktoren.

Die pauschale Aussage „klein gleich teuer“ gilt nur für konventionelle Reaktordesigns, nicht für neue Architekturen. Wer alle neuen Konzepte pauschal als unwirtschaftliche SMR abtut, verkennt die technologische Entwicklung fundamental.

Mit Sicherheit günstiger

Bestehende Kernkraftwerke gehören weltweit zu den günstigsten Stromerzeugern. Sie liefern 24/7, wetterunabhängig. Sie stabilisieren Netze. Sie reduzieren Speicherbedarf drastisch. 

Und je neuer diese Kernkraftwerke sind, umso sicherer sind sie auch. Den Sicherheitsbedenken, mit denen Kernenergie verbunden wurde, wird mit den modernsten Reaktorkonzepten die Grundlage entzogen. Ein Flüssigsalzreaktor, wie ihn zum Beispiel Copenhagen Atomics entwirft, arbeitet bei niedrigem Druck und benötigt keine aktiven Notkühlsysteme. Das verwendete Salz ist nicht brennbar, verhindert Explosionen und macht Druckunfälle unmöglich. Der Reaktor ist intrinsisch sicher, er stabilisiert sich selbst, ganz ohne menschliches Eingreifen. Zudem entfällt das Sicherheitsproblem der Lagerung von atomaren Abfällen. Anstatt radioaktiven Abfall zu erzeugen, bauen sie sogar bereits vorhandenen Atommüll ab und gewinnen dabei Energie.

All das, natürlich hier von mir im Blogformat in aller Kürze dargestellt, macht die moderne Kernenergie mit Sicherheit gegenüber dem alleinigen Ausbau der erneuerbaren Energie zu einem günstigeren Konzept.

Das Comeback der Kernenergie sollte deswegen keine ideologische Debatte sein, sondern sich an der Notwendigkeit für unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand und den Klimaschutz orientieren. Wer gesicherte Energieversorgung will, wer Industriestandorte sichern will, wer Dekarbonisierung ernst meint, kommt an Kernenergie nicht vorbei. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie wir diesen Weg beschreiten.

Ihr Wilfried Hahn

Vorheriger Beitrag
Energie, Realität und Macht – Vortrag des US Energieministers zu Kernenergie

Ähnliche Beiträge