Was tun wir, wenn uns Angst packt? Daniel Kahneman, der Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger, hat es in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ eindrücklich beschrieben: Unter dem Einfluss von Angst schaltet unser Gehirn auf Schnellmodus. Wir reagieren intuitiv, ohne lange nachzudenken – oft überlebenswichtig, wenn Gefahr droht.
Doch auf lange Sicht, sagt Kahneman, bleiben wir damit unter unseren Möglichkeiten. Denn unsere eigentliche Stärke liegt nicht im schnellen Instinkt, sondern in der Fähigkeit zur Vernunft, zur gründlichen Abwägung.
Wenn der Löwe kein Wildschwein ist
Schnelles Denken hilft, wenn wir plötzlich handeln müssen. Wenn der sprichwörtliche Löwe vor uns auftaucht, ist es gut, wenn wir nicht lange überlegen. Selbst wenn es dann doch nur ein Wildschwein war.
Doch diese Fähigkeit, Situationen rasch zu bewerten, bringt uns in Schwierigkeiten, wenn es um komplexe Themen geht.
Ein gutes Beispiel ist die Strahlung: Ihre Gefahren lassen sich nicht einfach mit dem schnellen Bauchgefühl beurteilen. Hier kommt es auf die Dosis an – die Strahlung, die als Fluch gilt, kann als Segen wirken, etwa in der Krebstherapie.
Doch unter dem Einfluss von Angst übernehmen wir vorschnell die erstbeste Erklärung, die uns plausibel erscheint. Alles, was diese schnelle Meinung infrage stellt, wird ausgeblendet. So entsteht ein bekanntes Phänomen: der „confirmation bias“, der Bestätigungsfehler.
Wenn Angst die Debatte lenkt
Mit dem Begriff „confirmation bias“ beschreibt Kahnemann das Phänomen, dass Menschen bei schnellem Denken dazu neigen, Informationen zu suchen, zu interpretieren und zu erinnern, die ihre bestehenden Überzeugungen oder Hypothesen bestätigen. Widersprechendes wird ignoriert oder abgewertet.
Dieses Muster erkenne ich auch in der Diskussion um Kernenergie. Die Angst sorgt für schnelle Urteile: gefährlich, unkontrollierbar, böse.
Das Problem: Schnelles Denken dämonisiert rasch – und viele Gedanken werden in diesem Prozess „verbrannt“, bevor sie überhaupt zu Ende gedacht sind.
Plädoyer für das langsame Denken
Angst hat die Kernenergie zum Feindbild gemacht. Doch ich bin überzeugt: Sie könnte genau die Energie sein, die es uns ermöglicht, die Zukunft unserer Kinder zu sichern. Die Energie, mit der wir die großen Herausforderungen unserer Zeit bestehen können.
Deshalb möchte ich uns allen etwas ans Herz legen: Lassen Sie uns langsam denken, besonders bei so einem wichtigen Thema wie der Kernenergie.
Vielleicht wirkt das altmodisch, vielleicht nicht „sexy“ in einer Welt, die auf schnelle Schlagzeilen und einfache Erklärungen setzt. Aber ich bin sicher: Gerade diese Fähigkeit zum langsamen, gründlichen Denken hat die Menschheit vorangebracht.
Kahneman formuliert es treffend: Langsames Denken ist anstrengend. Es fordert uns heraus. Wenn wir bequem sind, greifen wir lieber auf schnelle Intuition zurück. Doch wenn unser Bauchgefühl uns täuscht, liegt der Fehler oft nicht im Gefühl selbst, sondern in unserem blinden Vertrauen auf ein Urteil, das wir nie wirklich getroffen haben.
Ihr Wilfried Hahn